Offener Brief an die Senatorin: Behörde streicht 50.000 Euro für Suchtselbsthilfe

 

 

OFFENER BRIEF

 

Betr.: Kürzungen des Senats bei der Suchtselbsthilfe – minimaler Nutzen für die Stadt, maximaler Schaden für Betroffene, Angehörige und die Gesellschaft

Sehr geehrte Frau Senatorin,

sehr geehrte Frau Prüfer-Storcks,

 

die CDU-Bürgerschaftsfraktion verfolgt mit großer Sorge und wachsendem Unverständnis die aktuellen Pläne des Senats, erfolgreichen Trägern im Bereich der Suchtselbsthilfe wichtige staatliche Zuschüsse zu kürzen oder wie im Falle der ELAS ELAS Suchtselbsthilfe sogar ganz zu streichen. Als Partei und Fraktion, die im Jahr 2006 mit dem Leitbild „Drogenfreie Kindheit und Jugend“ einen Meilenstein auf dem Gebiet der Suchtprävention, Suchthilfe & Suchtforschung gesetzt hat, können und wollen wir Ihre Kürzungsvorhaben aus tiefster Überzeugung nicht mittragen.

 

Dabei mögen Ihnen die Einzelbeträge, die Sie mit dem Doppelhaushalt 2013/2014 einsparen wollen, läppisch vorkommen. Die Kürzungen beim „Deutschen Guttempler Orden“, beim „Kreuzbund Diözesenverband Hamburg e.V“., bei „Jugend hilft Jugend e.V.“, „Therapiehilfe e.V.“ und nicht zuletzt bei der ELAS summieren sich zusammen gerade einmal auf einen Betrag von rund 240.000 Euro pro Jahr. Der Flurschaden, der mit der Streichung dieser 240.000 Euro verursacht wird, ist aber verheerend.

 

Wir möchten Sie über die fatalen Folgen, die diese Kürzungspläne für die einzelnen Einrichtungen, die Betroffenen und die Angehörigen konkret bedeuten, am Beispiel der ELAS stellvertretend für die anderen Träger aufklären, weil den Urhebern dieser Kürzungsideen die Hintergründe anscheinend nicht bekannt sind: 

 

Die vom Diakonischen Werk Hamburg getragene ELAS engagiert sich seit über 20 Jahren intensiv für Aus- und Fortbildung sowie Praxisbegleitung im Bereich der Suchtselbsthilfe. Über die Jahre konnten dadurch rund 300 qualifizierte Suchtkrankenhelfer aus- und fortgebildet werden. Aktuell sind rund 65 ausgebildete Suchtkrankenhelfer als Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter in 70 diakonischen qualifizierten Suchtselbsthilfegruppen aktiv. Dadurch werden jährlich rund 1.400 Betroffene und deren Angehörige erreicht. Ein gutes Drittel der Gruppenbesucher findet den Weg in die Abstinenz ohne weitere Unterstützung aus dem Suchtselbsthilfesystem. Das besondere an der ELAS ist, dass die ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer selbst ehemals Suchtkranke sind und daher die Problemlagen ihrer Gruppenmitglieder besser verstehen und Abhilfe schaffen können. Die Gruppen bestehen zum Teil über Jahrzehnte, geben den Betroffenen halt und mindern durch dieses soziale Netzwerk das Risiko, rückfällig zu werden.

 

Der daraus entstehende Nutzen für die Betroffenen, deren Angehörigen und die Gesellschaft lässt sich in Zahlen gar nicht hoch genug bemessen. Die knapp 50.000 Euro, die Sie alleine bei der ELAS für die Aus- und Fortbildung der ehrenamtlichen Suchtkrankenhelfer, die übrigens einen Teil der Kosten ohnehin selbst tragen, einbehalten wollen und die eine komplette Zuschusskürzung bedeuten, übersteigt er um ein Vielfaches. 

 

Die Streichung bei der ELAS Suchtselbsthilfe wird zwangsläufig zu einer Zerstörung eines gut funktionierenden und kostengünstigen Systems führen. Zugleich wird dieser unüberlegte Akt von den unentgeltlich Engagierten und den Betroffenen als ein Affront gegen die langjährige Freiwilligenarbeit von Frauen und Männern in der ehrenamtlich getragen Suchtselbsthilfe wahrgenommen. Doch gerade der Bereich der bürgerschaftlichen Tätigkeiten verdient in der heutigen Zeit eine hohe Wertschätzung. Diese lassen Sie aktuell leider vermissen.

 

Mit minimalen Einsparungen wird ein maximaler Schaden angerichtet!

 

Die einzelnen freien Träger und die Kontakt- und Informationsstellen für Selbsthilfegruppen in Hamburg (KISS) dürfen bei den besagten Kürzungsplänen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Wir setzen uns mit Nachdruck für den Erhalt des existierenden vielfältigen Selbsthilfeangebots in unserer Stadt ein, denn: Jeder Betroffene hat seine ganz eigene Lebensgeschichte und jedem Betroffenen muss daher die Möglichkeit gegeben werden, das zu ihm selbst passende individuelle Selbsthilfeangebot zu finden. Diese Möglichkeit wird durch Ihre Kürzungspläne massiv eingeschränkt und bisweilen sogar ein für alle Mal zunichte gemacht.

 

In der heutigen Hamburger Tagespresse werden Sie bezugnehmend auf die Ergebnisse einer aktuellen Langzeitstudie über den Verlauf und die Konsequenzen von Alkohol- und Tabakkonsum mit den Worten zitiert: „Wir wollen Betroffene früher erreichen und auch in ihrem Umfeld das Bewusstsein für mögliche Probleme, die durch den sorglosen Umgang mit Alkohol entstehen, schaffen.“

 

Warum dann ausgerechnet der Rotstift bei Anbietern der Suchtselbsthilfe angesetzt wird, die mit ihren vielfältigen Gruppenangeboten für Betroffene, Angehörige, Verhaltensabhängige und Abhängige von illegalen Drogen hamburgweit zusammen rund 5.625 suchtkranke Personen und deren Angehörigen ein erfolgreiches Hilfeangebot bieten, können wir beim besten Willen nicht nachvollziehen.

 

Wir möchten Sie daher eindringlich bitten:

 

Erkennen Sie die Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements für unsere Stadt, nehmen Sie die Gefahren des Suchtmittelkonsums ernst und nehmen Sie die geplanten Kürzungen bei den Trägern der Suchtselbsthilfe zurück!

 

Sie tun dies nicht für uns, sondern für die Menschen in unserer Stadt!

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Hjalmar Stemmann                                  Christoph de Vries

Sprecher für Gesundheit                             Sprecher für Kinder, Jugend und Familie

der CDU-Bürgerschaftsfraktion Hamburg      der CDU-Bürgerschaftsfraktion Hamburg

 

 

 

Hamburger Abendblatt vom 18.10.12: Mit einem Klick erscheint der Artikel in Originalgröße.
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